Beispieltranskript

Beispieltranskript: Perspektiven – Interview mit Dr. Ulrich Stephan
Moderator: M. Engelmann

M. Engelmann: Wer in den vergangenen Wochen die Medien verfolgt hat, der weiß, die Notenbanken haben die geldpolitischen Schleusen weit geöffnet. Die EZB will Not leidende Eurostaaten mit Anleihenkäufen unterstützen, sofern sie sich einem ESM-Programm unterziehen. Und die FED hat angekündigt, dass der Leitzins bis 2015 auf historisch niedrigem Niveau bleibt. Die Experten kommentieren ebenso leidenschaftlich wie auch unterschiedlich. Und wir bei „Perspektiven“ fragen uns da natürlich, was bedeutet das eigentlich für mich als Privatanleger. Und genau darüber reden wir heute mit Doktor Ulrich Stephan, Chefanlagestratege Privat- und Geschäftskunden der Deutschen Bank. Herr Doktor Stephan, die einen Experten sagen: „Diese expansive Geldpolitik der EZB ist notwendig, um die Staatsschuldenkrise zu überwinden.“ Und die anderen sagen: Nein, die Notenbank gefährdet so die Stabilität unseres Geldes.“ Was ist denn nun richtig? #00:00:56-5#

Dr. U. Stephan: Na, wir haben sozusagen einen Methodenstreit im Grunde genommen hier zwischen der Deutschen-Bundesbank-Position und im Grunde genommen eher der amerikanischen Sicht, die stärker auf Wachstum guckt. Wir gucken sehr viel stärker auf Inflation und den Abbau von Schulden. Ich glaube, dass die Notenbank im Moment den Staaten tatsächlich Raum verschafft, dann an den eigentlichen Problemen mit Strukturreformen zu arbeiten und das würde ich für richtig halten. Nichtsdestotrotz legt sie natürlich mit ihrer sehr expansiven Geldpolitik das Potential für zukünftige Inflationen an. Ich glaube nicht, dass wir sehr kurzfristig Inflation kriegen, aber auf mittlere Sicht legt sie das Potential natürlich an und sie wird sehr aufpassen müssen, die Geldmengen wieder einzusammeln, wenn Vertrauen zurückkommt und wenn dann die Inflation anfängt zu steigen. #00:01:42-0#

M. Engelmann: Wenn man mal in die Presse schaut, dann könnte man meinen, es gäbe nur noch ein Thema. Wir haben hier „Kalte Enteignung“. Wir haben sogar die „Enteignung“ hier auf dem Titel, 1 % Zins bei 2,5 % Inflation. In diesem Zusammenhang hört man immer wieder das Wort „Finanzrepression“. Was bedeutet das denn eigentlich? #00:01:58-2#

Dr. U. Stephan: Also Finanzrepression beschreibt das Phänomen der negativen Realverzinsung. Was ist damit gemeint? Sie kriegen also auf ein Tagesgeld oder auf eine Bundesanleihe einen nominalen Coupon. Wenn dieser Coupon beispielsweise bei zehn Jahren Bundesanleihen im Moment bei um die 1,5 % herum liegt, Sie aber eine Inflationsrate haben von 2 %, dann haben Sie also schon mal – und das ist ja eine Anlageform von zehn Jahren sogar – haben Sie eine negative Rendite von 0,5 %. Wenn Sie dann noch Steuern dazu rechnen, wird es noch unangenehmer. Und dieses Phänomen drückt man in dem Begriff der Finanzrepression aus. #00:02:39-8#

M. Engelmann: Stark verkürzt bedeutet für mich die Finanzrepression also, dass ich negative Realrenditen habe, wenn ich beispielsweise Bundesanleihen kaufe oder in die investiere. Und wir haben auch einen Chart dazu. Das können wir uns gerade mal ansehen. Da ist das auch hier ganz eindrucksvoll abgebildet. #00:02:54-1#

Dr. U. Stephan: Sie sehen eben an dieser hellen Linie die tatsächliche Verzinsung über die Laufzeiten hinweg von einem Jahr bis 30 Jahre. Und Sie sehen diesen sehr moderaten Anstieg auf niedrigem Niveau, also dass Sie bei zehn Jahren immer noch deutlich unter 2, im Moment eben rund bei anderthalb Prozent liegen. Und wenn man dann eben die aktuelle Inflationsrate dort mit einbezieht, dann kommen Sie zu den negativen roten Balken, die Ihnen eben das Phänomen sehr deutlich zeigt, dass Sie dort eben wirklich negative Realzinsen verdienen.

Und wenn Sie das vermeiden wollen, also Anlageformen suchen, die Ihnen mindestens die Inflationsrate ausweisen, dann müssen Sie sich eben mit, naja, sagen wir mal, anderen Investmentthemen beschäftigen als mit diesen vermeintlichen sicheren Häfen. Das können Unternehmensanleihen sein, das können Pfandbriefe sein. Das könnten aber auch Aktien und sollten wahrscheinlich sogar Aktien sein mit Fokus auf Dividende. Das wären dann Möglichkeiten in einer breiten Streuung sicherlich, mit der man die Hoffnung haben darf, die Inflationsrate dennoch zu verdienen. Wenn Sie in diesen sicheren Häfen bleiben, werden Sie das sicherlich für längere Zeit nicht hinbekommen. #00:04:00-0#

M. Engelmann: Haben wir also nach langen Jahren der reinen Fokus auf das Risiko nun wieder auch so ein bisschen die Rendite im Fokus und müssen eigentlich auch stärker auf die Rendite achten? #00:04:07-9#

Dr. U. Stephan: Naja, wir wollen ja nicht über Renditen reden, die irgendwie im zweistelligen oder ich weiß nicht was Bereich sind, sondern wir reden ja darüber, dass man mehr als die Inflationsrate… Und Sie müssen Anlageformen suchen, die Ihnen eben 2 Prozent plus geben. Das sollte möglich sein. Man muss dann über natürlich die gewissen Umstände, die eigentlichen konkreten Anlässe des Anlegens, den Zeithorizont, die Risikopräferenzen und ähnliche Dinge mehr reden. Aber es gibt durchaus Anlageformen, mit denen man das abbilden kann. #00:04:37-9#

M. Engelmann: Nehme ich für heute mit: nicht nur in der Risikoaversion erstarren, sondern nach den Chancen suchen und sich dann letztlich auch trauen, dann zu investieren, wenn man die Chance sieht – stark verkürzt. Wunderbar. Dann danke ich Ihnen ganz herzlich für das Gespräch. Ihnen vielen Dank fürs Zusehen und bis zum nächsten Mal. #00:04:57-2#

Quelle: Youtube (2012). http://www.youtube.com/watch?v=sTGrm19fKa0. (letzter Zugriff 12/2013)